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Kultur & Traditionen

Legenden des Salento: Kobolde, Sirenen und Steingeschichten

· 3 Min. Lesezeit

Legenden des Salento: Kobolde, Sirenen und Steingeschichten

Jedes Land hat seine Geschichten, aber der Salento hat mehr als andere. Vielleicht wegen der Jahrhunderte voller Fremdherrschaften und Meer, vielleicht wegen der langen Nächte auf dem Land — hier waren Legenden nie bloß Erzählungen: Sie waren eine Art, die Welt zu erklären — den Wind, die Krankheit, die Angst, die Liebe. Hier sind einige der schönsten, mit den Orten, an denen man ihnen noch heute begegnen kann.

Lu scazzamurieddhu, der schelmische Kobold

Die beliebteste Figur der salentinischen Folklore ist ein kleiner, flinker Kobold mit einem großen Hut: lu scazzamurieddhu (in manchen Gegenden laùru oder uru). Nachts schleicht er sich in die Häuser, treibt Schabernack, versteckt Gegenstände und — so erzählten die Großmütter — setzt sich auf die Brust der Schlafenden. Daher jenes Gefühl von Druck und Lähmung, das die Wissenschaft heute Schlafparalyse nennt und das früher ganz zweifellos seine Schuld war.

Doch die Legende hat einen verlockenden Nachsatz: Wer es schafft, ihm den Hut zu stehlen, kann ihn gegen einen Schatz eintauschen. Niemand, soweit man sich erinnern kann, hat es je geschafft — der Kobold ist zu schnell — aber Generationen salentinischer Kinder sind beim Versuch eingeschlafen.

Die macare, die Hexen des Salento

Die macare waren die Hexen der salentinischen Tradition: Frauen, die — so hieß es — Zaubersprüche kannten (die fatture), nachts flogen und sich unter bestimmten Bäumen versammelten. Jedes Dorf hatte seine eigene, und wehe, man nannte ihren Namen. Wie so oft steckte hinter der Legende etwas anderes: Die macare waren häufig schlicht alleinstehende Frauen, Heilerinnen, Kräuterkundige — Volkswissen, das Angst machte und das die Fantasie in Hexerei verwandelte.

Die Sirene Leucàsia und die zwei Landspitzen von Leuca

Ganz im Süden, wo die beiden Meere aufeinandertreffen, lebt die romantischste Legende. Die Sirene Leucàsia verliebte sich in den jungen Hirten Melisso, doch er widerstand ihr, treu seiner geliebten Arìstula. Die gekränkte Sirene entfesselte einen Sturm und riss die beiden Liebenden in die Tiefe; die Göttin Athene, von Mitleid ergriffen, verwandelte sie in die zwei Landspitzen, die die Bucht von Leuca umschließen — Punta Mèliso und Punta Ristola — für immer vereint, einander gegenüber. Und die weiße Stadt, die auf dieses Meer blickt, erhielt den Namen der Sirene: Leucàsia, Leuca.

Die Due Sorelle von Torre dell'Orso

Vor dem Strand von Torre dell'Orso ragen zwei Zwillingsfelsen aus dem Meer: die Due Sorelle (die „zwei Schwestern"). Die Legende erzählt von zwei Schwestern, die an einem heißen Tag zu den Klippen hinabstiegen; eine glitt in die Wellen, die andere sprang ihr nach, um sie zu retten. Das Meer nahm beide, doch die Götter — gerührt von so viel Liebe — verwandelten sie in die zwei Felsen, die sich noch heute anblicken, ganz nah und unzertrennlich. Es ist die meistfotografierte Legende des Salento: Sie begegnet Ihnen jedes Mal, wenn Sie die Strände der Adriaküste wählen.

Die Tarantate: die Legende, die wahr war

Und dann gibt es die kraftvollste Geschichte von allen, in der Legende und Wirklichkeit verschwimmen: der Biss der Taranta, die Frauen, die tagelang tanzten, um sich vom Gift zu befreien, die Musik als Heilmittel. Das ist nicht nur Folklore: Es ist ein historisch dokumentiertes Phänomen, von Anthropologen erforscht, aus dem die Pizzica und die Notte della Taranta selbst hervorgegangen sind. Wir haben sie hier ausführlich erzählt — und in Galatina können Sie noch heute die Kapelle besuchen, in der die Tarantate um Gnade baten.

Warum die Legenden hier anders sind

Vielerorts sind Legenden Unterhaltung. Im Salento sind sie Gedächtnis: Sie erzählen von Mühsal, von der Angst vor Krankheit, von Frauen ohne Stimme, von Liebe und vom Meer. Deshalb ähneln sie so sehr seiner Musik und seinen Menschen — und deshalb lohnt es sich, sie zu kennen, bevor man kommt.

Wie spürt man sie am besten? In einer Nacht auf dem salentinischen Land, wenn die Dunkelheit echt ist und die Stille auch. Der scazzamurieddhu, schwören die Großeltern, ist noch unterwegs. Wir in der Masseria haben ihm den Hut noch nicht gestohlen — aber wir versuchen es weiter.